Der Baukörper – wichtige Fragen, die Sie vor der Festlegung unbedingt abgeklärt haben sollten

 

Heute möchte ich einige meiner Gedanken zum Baukörper an Sie weitergeben. Auch bei diesem Thema gilt es für den Verantwortlichen, ein paar Aspekte im Vorfeld zu berücksichtigen.

 

·       Gebäudetyp und Größe

·       Statik, Erweiterbarkeit und Anpassungspotential

·       Bauzeit

 

 

Gebäudetyp und Größe

Zahlreiche Gebäudetypen von Krankenhäusern sind im Laufe der letzten 150 Jahre entwickelt und gebaut worden. Nachdem im vorletzten und zu Beginn des letzten Jahrhunderts aus infektiologischen Gründen der Pavillonstil bevorzugt wurde, ging man bei steigenden Patientenzahlen dann zum Blocktyp über, bei dem Pflege und Funktion miteinander verbunden wurden. Der Trend zur kompakteren Bauweise setzte sich dann nach dem 2. Weltkrieg weiter fort, als medizinscher Fortschritt weitere Möglichkeiten der Diagnostik und Therapie eröffneten. Es entstand der Horizontaltyp, bei dem die jeweilige Funktion auf der gleichen Ebene wie die dazugehörige Pflegeeinheit eingerichtet wurde, und später dann der Vertikaltyp, bei dem die Pflege über die Diagnostik und Therapie „gestapelt“ wurde, da zunehmend mehr Nutzfläche für die Diagnostik und Behandlung notwendig wurde. Mittlerweile werden vielerlei Mischtypen gebaut.

Unabhängig von der Typenbezeichnung sollte individuell für das zu planende Krankenhaus überlegt werden, welche die wichtigen Eckpfeiler Ihres Neubaus sind, wie z. B.:

 

·       Wieviel Grundstück steht für den Baukörper zur Verfügung?

·       Setzt das Budget natürliche Grenzen?

·       Wo liegt das Hauptangebot: bei den konservativen oder operativen Fächern?

·       Welche vorgesehene Diagnostik und Therapie hat welchen Raumbedarf?

·       Welche invasiven und operativen Therapien werden angeboten?

·       Sind besondere Institute unterzubringen, wie z. B. Labor, Apotheke, Zentralsterilisation, Hygiene oder Pathologie?

·       Wieviel Verzahnung mit ambulanten Funktionen bzw. dem niedergelassenen Bereich ist vorgesehen?

·       Sind kurze Wege für Mitarbeiter und Patienten ein entscheidender Faktor für die optimierte Betriebsorganisation?

·       Soll die Medizinstrategie und das Angebot in der Zukunft weiterentwickelt werden?

 

Je nach Beantwortung dieser und weiterer Fragen zum medizinischen Spektrum und zur Struktur und Organisation des Krankenhauses muss die Fläche für Diagnostik und Therapie, Pflege incl. Intensiv- und Intermediate Care-Bereiche sowie Institute berechnet und in Relation zueinander gesetzt werden.

Nach diesen Analysen sollte dann das Hauptaugenmerk auf die Betriebsorganisation gelegt werden, die ja in einem Neubau im besten Fall deutlich optimiert sein sollte. Und dabei gilt: je kompakter der Neubau gebaut werden kann, desto kürzer sind die Wege und desto übersichtlicher kann die Dienstleistung für Patient und Angehörige erbracht werden. Sowohl der zunehmende Fachkräftemangel als auch das immer älter und kränker werdende stationäre Patientenklientel stützen diese These. Letztendlich wird ein (kompakter) Neubau häufig gerade als bessere Alternative gewählt, weil damit durch eine optimierte Betriebsorganisation mit verbesserten Abläufen eine effizientere, schnellere und bessere Patientenversorgung möglich wird.

Darüber hinaus hat der Grad der Kompaktheit auch wesentlichen Einfluss auf die Baukosten und die Betriebskosten (bei Fassade, Kubatur, Flächen (Nutzfläche, Verkehrsfläche, Technikflächen, …).

Erst nach diesen Überlegungen und den bewusst getroffenen Entscheidungen kann man ernstlich über den Bautyp nachdenken, auch wenn die Architektenbüros häufig schon im Vorfeld bei den Vorstellungspräsentationen ihre Vorlieben für bestimmte Gebäudetypen ins Spiel bringen. So wird vielfach eine Kammstruktur gewählt, während ein Blockbau vielleicht sogar sinnvoller wäre.

 

Statik, Erweiterbarkeit und Anpassungspotential

Auch über die Statik lohnt es sich, sich aus Sicht des Auftragsgebers, Gedanken zu machen. Das Gesundheitswesen ist gerade in den letzten beiden Jahrzehnten einem großen Wandel unterworfen. Die zunehmende rasante Veränderung verspricht in den nächsten Jahrzehnten nicht nach zu lassen. Deshalb können wir heute noch gar nicht wissen, wie „Krankenhaus“ in Deutschland in mehr als fünf Jahren, also in der ferneren Zukunft aussehen sollte. Folgende Fragestellungen sind noch unbeantwortet:

 

·       Wie krank und alt ist der Patient der Zukunft, der stationär versorgt wird?

·       Wie verändert sich das diagnostische und therapeutische Angebot der verschiedenen Fachabteilungen mit zunehmender Digitalisierung, Minimalisierung und Individualisierung der Therapie und darüber hinaus Künstlicher Intelligenz?

·       Wird es mehr Verzahnung ambulant/stationär geben und diese im Krankenhaus angesiedelt sein?

·       Werden bestimmte Leistungen nur noch ambulant erbracht werden und wenn ja, wo?

·       Wird es mehr Notwendigkeit für tagesklinische Angebote geben?

·       Wie und wo werden die ländlichen Regionen, die möglicherweise ohne Hausarzt auskommen müssen, an die Krankenhäuser angebunden sein?

·       Wo sind die Facharztpraxen angesiedelt – ist das vielleicht zunehmend im Krankenhaus?

 

Die Beantwortung all dieser Fragen und sicherlich noch weiterer beeinflussen nicht unerheblich auch die Architektur des Krankenhauses. Da aber das Wissen darüber zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht vorhanden ist, sollte das jetzt zu bauende Gebäude so gestaltet werden, dass Veränderungen, Anpassungen und Erweiterungen in ausreichendem Maße und möglichst unkompliziert und kostengünstig umsetzbar sein werden.

Dazu bedarf es mindestens zwei wesentlicher Voraussetzungen:

 

·       Die Statik muss möglichst so angelegt sein, dass räumliche Anpassungen im Baukörper jederzeit ohne viel Aufwand möglich sind, d. h. Raumvergrößerungen und -verkleinerungen aller Art und möglichst an jedem Ort. Das heißt, die Traglast sollte überwiegend auf den Außenmauern des Gebäudes liegen.

·       Wird von vorne herein an Erweiterung besonders der Bettenkapazität gedacht, sollte die Statik eine Aufstockung um mindestens eine Etage ermöglichen. Das kann z. B. bei einem H-Blocktyp bis zu 160 zusätzliche Betten schaffen. Entsprechende Vorkehrungen sollten die Höhe des Fahrstuhlschachtes und die Fahrstuhlkapazität ebenfalls beinhalten. Nur so lassen sich die geplante optimierte Betriebsorganisation und die kurzen Wege auch bei einer solchen beträchtlichen Vergrößerung noch beibehalten. Muss man stattdessen einen Anbau vorsehen, gelingt das nicht ohne Weiteres.

 

Bauzeit

Die gewählte Gebäudekomplexität hat natürlich auch Einfluss auf die Bauzeit. Hat man ausreichend Zeitpuffer, weil im alten Gebäude noch alles gut funktioniert, dann mag das keine Rolle spielen. Ist aber der Neubau dringend notwendig und will man zum Beispiel Interimsbauten möglichst vermeiden oder den Baulärm für die Patienten begrenzen, so sollte die Länge der Bauzeit Berücksichtigung finden.

 

Soviel zu diesem Themenblock. Bitte schreiben Sie mir gerne, ob Sie mit meinen Hinweisen etwas anfangen konnten, oder wenn Sie Fragen dazu haben.

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Hier noch ein paar Literaturhinweise:

Hofrichter L (2019), Krankenhausarchitektur – Gestaltungsqualität und die Berücksichtigung medizinischer Ablaufprozesse sind kein Widerspruch – Sonderdruck aus H. Stockhorst / L. Hofrichter / A. Franke (Hrsg.) Krankenhausbau. Architektur und Planung, bauliche Umsetzung, Projekt- und Betriebsorganisation

 

Ludes M (2013), Architektur und Technik. In: Debatin JF, Ekkernkamp A, Schulte B, Tecklenburg A (Hrsg.) – Krankenhausmanagement: Strategien, Konzepte, Methoden: 473ff. – 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG Berlin

 

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